In den Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas können wir von einer Begegnung Jesu lesen, mit einem jüdischen Gesetzeslehrer, der ihn fragte: „Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz?“ Jesus antwortete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken! Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ein weiteres ist genauso wichtig: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Matthäus 22,35–40)
Das Gebot, Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (Gedanken, Verstand) zu lieben, das Jesus hier zitiert, findet sich in 5.Mose 6,5, wo das Konzept der völligen Hingabe an Gott zusammengefasst ist. Die Schilderung dieses Vorfalls in den Evangelien nach Markus und Lukas schließt die weitere Dimension mit ein: Gott mit aller Kraft zu lieben. Das Markusevangelium schließt mit den Worten: „Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ (Markus 12,30–31)
Aus diesen Berichten geht hervor, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zu unseren Mitmenschen – das wichtigste aller Gebote – unser Leben, unsere Prioritäten, unsere Beziehungen, unsere Entscheidungen und unser Handeln bestimmen sollen. Eine genauere Betrachtung jedes dieser beiden Gebote kann uns helfen, diese Grundpfeiler unseres Glaubens besser zu verstehen.
Liebe zu Gott
Als Christen sind wir dazu aufgerufen, Gott mit unserem ganzen Wesen – mit unserem Herzen, unserer Seele, unserem Verstand und unserer Kraft – zu lieben und „zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten“ (Matthäus 6,33). Wir haben das Privileg, zu einer engen persönlichen Beziehung mit Gott berufen zu sein, der selbst relational ist. Die Bibel sagt, dass „er uns zuerst geliebt hat“ (1. Johannes 4,19). Das ist ein Aufruf an uns, mit einer von ganzem Herzen kommenden Liebe zu antworten – einer Liebe, die alles gibt.
Wir sehen Gottes Wunsch nach einer Beziehung zu seinen menschlichen Geschöpfen in der ganzen Bibel, vom ersten Kapitel des 1.Mose bis zum letzten Kapitel der Offenbarung. Im 1.Buch Mose erfahren wir, dass die schöne Beziehung, die Gott zu Adam und Eva im Garten Eden hatte, durch ihre Entscheidung, ihm ungehorsam zu sein und zu sündigen, zerstört wurde, was zum Sündenfall führte (1.Mose 3,1–19). Gott ist heilig, deshalb konnte er, nachdem die Sünde in die Welt gekommen war, nicht mehr dieselbe persönliche Beziehung zu den Menschen haben.
In seiner großen Liebe zur Menschheit hatte Gott einen Plan, um die durch die Sünde zerbrochene Beziehung wiederherzustellen und uns wieder zu sich zurückzubringen. Seine Liebe zu jedem Menschen, den er geschaffen hatte, war so groß, dass er seinen einzigen Sohn Jesus sandte, um sein Leben am Kreuz zu opfern, um die Kluft zwischen sich und der Menschheit zu überbrücken (Johannes 3,16).
Um uns zu zeigen, wie sehr er uns liebt, hat Gott in der Bibel Bilder und Worte benutzt, die aussagen, dass wir mit ihm verheiratet sind. Er hat gesagt: „Dein Schöpfer ist dein Ehemann, Zebaoth, der Herr der Heerscharen ist sein Name“ (Jesaja 54,5) und „Wie sich der Bräutigam über die Braut freut, so wird sich dein Gott über dich freuen“ (Jesaja 62,5). Diese Metaphern aus der Ehe beschreiben die Vereinigung von Herz, Verstand und Geist, die er mit jedem von uns haben möchte. Wir wiederum sind dazu aufgerufen, ihn mit unserem ganzen Wesen zu lieben und ihn in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen.
Unsere Liebe zu Gott und unsere Dankbarkeit für das Opfer, das Jesus für unsere ewige Erlösung gebracht hat, sollten uns motivieren, uns ihm zu nähern (Jakobus 4,8) und uns darauf zu konzentrieren, unsere Beziehung zu ihm zu stärken. Das tun wir zum Beispiel, indem wir uns Zeit nehmen, um durch Gebet, Lobpreis und Anbetung mit ihm zu kommunizieren, indem wir sein Wort fleißig lesen und studieren und indem wir uns bemühen, unser Leben nach seinem Willen und den Prinzipien seines Wortes auszurichten. Als Christen streben wir danach, in unserer Liebe zu ihm zu wachsen – mit unserem Herzen, unserer Seele, unserem Verstand und unserer ganzen Kraft.
Liebe für deinen Nächsten
Das Gebot, deinen Nächsten zu lieben wie dich selbst, stammt aus dem Alten Testament, 3.Mose 19,18. Im Lukasevangelium lesen wir, dass ein Gesetzeslehrer Jesus, nachdem er ihn das Gebot der Nächstenliebe als eines der wichtigsten Gebote verkünden hörte, mit der Frage herausforderte: „Und wer ist mein Nächster?“ Jesus erzählte daraufhin die Geschichte vom barmherzigen Samariter, um nachdrücklich zu verdeutlichen, dass die Nächstenliebe weit über unsere Freunde und unsere lokale Gemeinde hinausgeht und sich auch auf Fremde und Ausländer erstreckt. Es bedeutet, dass wir Mitgefühl und Fürsorge für Menschen in Not zeigen (Lukas 10,25–35).
Die Grundlage für uns als Christen, unsere Nächsten zu lieben, ist das Verständnis, dass jeder Mensch für Gott wertvoll ist, unabhängig von Alter, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Nationalität, wirtschaftlichem Status, religiöser Überzeugung, politischer Zugehörigkeit oder anderen Unterschieden. Gott liebt alle Menschen. Er ist gnädig und voller Mitgefühl und unerschöpflicher Liebe; er ist gut zu allen (Psalm 145,8–9).
Wir wiederum sind dazu aufgerufen, jeden Menschen, den er geschaffen hat, mit seinen Augen der Liebe zu sehen, was bedeutet, dass wir andere ohne Vorurteile, Kritik oder vorgefasste Meinungen oder Stereotypen begegnen. Gottes bedingungslose Liebe kennt keine Grenzen hinsichtlich Status, Rasse oder Glaubensbekenntnis und sollte unser Verhalten gegenüber anderen leiten. Unser Auftrag als seine Nachfolger ist es, anderen dieselbe Liebe zu zeigen, die Jesus uns gezeigt hat.
Als Jesus seinen Nachfolgern gebot, ihre Feinde zu lieben (Matthäus 5,43–45), hat er damit die Messlatte für die Nächstenliebe in der Bergpredigt noch höher gelegt. Jesus fuhr fort: „Und wenn ihr nur denen Gutes erweist, die euch Gutes tun, was ist daran so anerkennenswert? Selbst Sünder verhalten sich so!“ (Lukas 6,33). Jesus macht damit deutlich, dass unsere Liebe, wenn sie uns nur dazu motiviert, denen Gutes zu tun, die uns Gutes tun können, sich nicht von der Liebe unterscheidet, die die meisten Menschen zeigen.
Jesus ruft uns dazu auf, auf eine Weise zu lieben, die über die natürliche Liebe und Freundlichkeit hinausgeht, die Menschen füreinander empfinden. Er ruft uns zu einer Liebe auf, die größer und außergewöhnlich ist. Die Liebe, die Jesus verkündet und vorgelebt hat, ist die Art von Liebe, die wir, denen unsere Sünden vergeben wurden, leben sollen – eine Liebe, die gütig, großzügig, barmherzig, aufopferungsvoll und vergebend ist. Wie der Apostel Paulus schrieb: „Gott hat seine Liebe zu uns darin gezeigt, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Römer 5,8).
Niemand ist von Gottes Gebot, andere zu lieben, ausgeschlossen – egal, wo sie im Leben stehen oder wie weit sie von ihm entfernt sind. Wir müssen nicht die Weltanschauung, den Lebensstil oder die Entscheidungen jedes Menschen mögen oder gut finden. Sie mögen ohne Rücksicht auf Gottes moralische Maßstäbe leben oder ein Leben in schwerer Sünde führen, aber egal, wie ihre aktuelle Situation ist, Gott liebt sie, und wir sollen sie ebenfalls lieben. Die Bibel sagt, dass jeder Mensch nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist, dass die Liebe von Gott kommt und dass Gott Liebe ist (1. Johannes 4,7–8).
Die Gebote, Gott und unseren Nächsten zu lieben, sind die Eckpfeiler unserer Nachfolge. Als Christen sind wir zuerst dazu aufgerufen, Gott mit unserem ganzen Wesen zu lieben und ihn in den Mittelpunkt unseres Lebens, unserer Entscheidungen und Handlungen zu stellen. Das Studium seines Wortes gibt uns Orientierung für unsere Entscheidungen und unseren Weg mit Gott und hilft uns, in unserem Glauben zu wachsen. Unsere Liebe zu Christus, der sein Leben für uns gegeben hat, treibt uns dazu, ihn von ganzem Herzen zu lieben und anzubeten und eine enge Beziehung zu ihm zu pflegen.
Als Nachfolger Jesu sind wir dazu aufgerufen, sein Beispiel der Liebe, Barmherzigkeit und Gnade gegenüber anderen nachzuahmen, was auch im Mittelpunkt unseres Zeugnisses gegenüber denen steht, die noch nicht zu einer rettenden Erkenntnis von ihm gekommen sind. Lasst uns jeden Tag und auf jede erdenkliche Weise dafür eintreten, unsere Nächsten zu lieben und lebendige Beispiele für die Liebe Gottes gegenüber den Menschen zu sein, die er uns über unseren Weg führt.
Möge die Liebe Christi uns in allem, was wir tun, antreiben, „weil wir überzeugt sind, dass er für alle gestorben ist, damit die, die leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben ist“ (2. Korinther 5,14–15).
