Viele Nachrichtenartikel warnen uns derzeit vor einer Plage, die als etwas Schlimmeres als COVID betrachtet wird. Sie wütet in Ländern rund um den Globus, mit stillen Symptomen, aber tödlichen Folgen. Manche nennen sie die Globalisierung der Einsamkeit, eine Art Epidemie, die sich weltweit ausbreitet und verheerende Auswirkungen hat.
Viele Menschen führen ein Leben in Isolation, völlig abgeschieden und zurückgezogen. Wir leben in einem Meer der Einsamkeit, in dem Technologie die menschliche Berührung ersetzt hat.
„Einsamkeit ist eine offene Wunde unserer Zeit“, sagt der chilenische Interviewer und Kolumnist Cristián Warnken. Und er fügt hinzu: „Wir sorgen uns sehr um den Klimawandel, aber über die wachsende Wüste, die sich in den menschlichen Beziehungen ausbreitet, reden und tun wir wenig.“
„Einsamkeit kann unser Leben buchstäblich verkürzen“, erklärt Michel Poulain, ein belgischer Demograf und Experte für Langlebigkeitsforschung, der das Blaue Zone Konzept geprägt hat, Regionen der Welt, in denen Menschen außergewöhnlich lange leben. Er sagt: „In der Blauen Zone haben soziale Beziehungen Priorität. Man trifft sich auf Plätzen, spricht in Cafés miteinander und spielt gemeinsam. Sozialer Kontakt ist ein wirklich grundlegendes Prinzip. In diesen Gemeinschaften stehen zwischenmenschliche Beziehungen im Mittelpunkt des Alltags.“ Sein Rat an uns lautet: „Versuche, im Laufe des Tages mit zwei oder drei Menschen zu sprechen.“
Auch viele junge Menschen leiden unter diesem Mangel an menschlicher Nähe. Kinder haben oft keinen bedeutungsvollen Kontakt zu anderen und sind anfälliger für Depressionen oder suizidale Gedanken. Ist die Lösung nur medizinisch? Das Problem allein medizinisch zu betrachten, wäre zu einfach und letztlich wirkungslos, denn es ist ebenso ein soziales und ein geistiges Thema.
Können wir als Christen etwas tun, um dieses Leid zu lindern? Ja, ganz sicher. Uns steht ein reicher Schatz an Möglichkeiten zur Verfügung. Gottes Geist kann uns stärken und uns kreative Wege zeigen, wie wir helfen können. Wenn wir von einer einsamen Person wissen, freut sie sich vielleicht über einen Anruf. Wenn wir merken, dass kaum jemand bei einem Nachbarn vorbeischaut, können wir selbst hingehen, Hallo sagen und fragen, ob etwas gebraucht wird. Wenn jemand eine lange, ausführliche Geschichte erzählt, oft ein Zeichen dafür, dass niemand da ist, der zuhört, können wir uns Zeit nehmen und zuhören. Wir können Menschen, die isoliert wirken, wissen lassen, dass wir für sie da sind. Solche Opfer gefallen Gott (Hebräer 13,16).
Wie Rick Warren sagt, sind wir „für Gemeinschaft geschaffen“. Indem wir aufeinander achten und unseren Nächsten lieben wie uns selbst (Markus 12,30–31), können wir helfen, diese Not zu lindern, wenn auch vielleicht nur in unserem eigenen kleinen Umfeld. Und während wir auf andere zugehen, lindern wir zugleich unsere eigene Einsamkeit. Wir werden zu Tröstenden und zu Getrösteten. Ehrenamtliche Arbeit ist eine Möglichkeit, anderen zu dienen und zugleich das eigene Bedürfnis nach Gemeinschaft zu stillen. Das tut deiner Seele gut und hilft dir, verbunden, relevant und aktiv zu bleiben.
Als Christen können wir Gemeinschaft auch ganz bewusst suchen, zum Beispiel durch den Anschluss an eine örtliche Gemeinde, einen Bibelkreis, eine Gebetsgruppe, eine WhatsApp‑Gruppe und Ähnliches. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, ist es hilfreich, einen kleinen Schritt über die eigene Schüchternheit hinauszugehen, jemanden anzusprechen und ein Gespräch zu beginnen. Du wirst überrascht sein, wie viele interessante, freundliche und einfühlsame Menschen dir begegnen, die sich darüber freuen, mit dir zu plaudern.
Einerseits sind wir als Christen also Diener der Hoffnung für Menschen in Not, andererseits können wir, wenn wir selbst allein und isoliert sind, auf verschiedene Weise Gemeinschaft ausfindig machen.
Das ist die soziale Seite. Auf der geistigen Seite ist der Schlüssel, uns immer wieder an Gottes bedingungslose Liebe zu erinnern, an seine Liebe zu jedem von uns als seinem kostbaren Sohn oder seiner kostbaren Tochter. Und daran, dass Jesus uns nahe sein möchte und sich danach sehnt, unser bester Freund zu sein.
Wenn du also durch dunkle Schluchten der Einsamkeit gehst, dann fasse Mut. Denk daran, dass Gott bei dir ist und dich tröstet (Psalm 23,4) und dich nicht verlassen noch aufgeben wird (5. Mose 31,6). „Wenn selbst Vater und Mutter mich verlassen, wird doch der HERR mich aufnehmen“ (Psalm 27,10). Die Bibel verspricht uns außerdem, dass Jesus uns nicht als Waisen zurücklässt (Johannes 14,18). Und für alle, die ihr Gefühl von Zugehörigkeit verloren haben, eine der Hauptursachen von Einsamkeit, oder es vielleicht nie hatten, heißt es: „Vater der Waisen und Helfer der Witwen – das ist Gott in seiner heiligen Wohnung. Gott gibt dem Einsamen ein Zuhause“ (Psalm 68,6–7).
Fühlst du dich manchmal, als gäbe es „auch nicht eine freundliche Hand“, wie es der berühmte französische Dichter Arthur Rimbaud ausdrückte? Dann wende dich an den Herrn, und er wird dir seine helfende Hand reichen. Fühlst du dich allein und verlassen und meinst, niemand schert sich um dich? Gott hört deinen Schrei, wenn du hoffnungslos durch die Wüste der Einsamkeit gehst, so wie er den Schrei Hagars hörte (1. Mose 21,14–21) und das verzweifelte Flehen des Psalmisten (Psalm 18,7). Wenn du niemanden hast, dem du deinen Schmerz und deine Not anvertrauen kannst, dann ist der Herr immer bereit, dir zuzuhören.
Und das Beste von allem ist, dass wir in Frieden in die Zukunft schauen dürfen. Jesus hat versprochen, jeden Tag bei uns zu sein bis ans Ende. „Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit“ (Matthäus 28,20).
