Unsere heutige Kultur preist oft Individualismus und Selbstgenügsamkeit als erstrebenswerte Tugenden. Die Bibel hingegen erinnert uns daran, dass wir für Gemeinschaft geschaffen wurden. Christsein war nie dafür gedacht, in einem Vakuum gelebt zu werden. Es ist dazu bestimmt, in liebevoller Gemeinschaft und Einheit mit anderen geteilt zu werden – und von dort aus zu denen außerhalb unserer Glaubensgemeinschaft weitergetragen zu werden. Gott hat uns nicht als isolierte Wesen geschaffen, die ihr Leben allein meistern sollen.
Gott selbst offenbart sich uns in der Heiligen Schrift als vollkommene, dreieinige Gemeinschaft: ein göttliches Wesen in drei unterschiedlichen Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – die von Ewigkeit her in einer liebevollen Beziehung miteinander leben. Er schuf den Menschen nach seinem Bild als ein auf Beziehung hin angelegtes Wesen (1.Mose 1,26). Nachdem Gott Adam, den ersten Menschen, geschaffen hatte, sagte er: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die ihm entspricht“ (1.Mose 2,18).
Von Anfang an war es Gottes Absicht, dass wir Menschen in Beziehung zueinander und zu ihm leben. Als Adam und Eva Gott ungehorsam wurden, wurde die Gemeinschaft mit ihm zerstört – und daraus folgte der Sündenfall der Menschheit (sieh 1.Mose 3). Doch Gott bereitete einen Weg, um diese Gemeinschaft durch Jesu Opfer am Kreuz wiederherzustellen. Nach Jesu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt entstand die Gemeinde als Gemeinschaft der Gläubigen, die in der Bibel als der Leib Christi bezeichnet wird: „So bildet ihr gemeinsam den Leib von Christus, und jeder Einzelne gehört als ein Teil dazu“ (1.Korinther 12,27).
Wir sind nicht dafür gemacht, unser Leben allein zu leben. Der Autor Paul Tripp bringt es so auf den Punkt:
„Wir wurden nicht geschaffen, um unabhängig, autonom oder selbstgenügsam zu sein. Wir wurden dafür gemacht, in einer demütigen, anbetenden und liebevollen Abhängigkeit von Gott zu leben – und in einer liebevollen, demütigen gegenseitigen Abhängigkeit voneinander. Unser Leben ist als Gemeinschaftsprojekt gedacht.“
Gerade das Leben in Gemeinschaft mit anderen, die Zusammenarbeit, der Austausch und die Partnerschaft mit Menschen, die anders sind als wir selbst, das Geben von uns selbst und das Lernen, mit anderen umzugehen – all dies zwingt uns dazu, jene Eigenschaften zu entwickeln, die Jesus von uns erwartet. Unsere Begegnungen mit anderen helfen uns, Christus ähnlicher zu werden, und rüsten uns besser dafür, auf andere zuzugehen, Gottes Liebe wirksam weiterzugeben und sie für die Welt um uns herum sichtbar zu machen.
Gott möchte, dass wir in Beziehung mit anderen Menschen leben – so hat er uns geschaffen. Jesus lehrte, dass die Liebe zum Nächsten gleich nach der Liebe zu Gott kommt (Matthäus 22,39). Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Nachbarn und unsere Gemeinschaft sind von Gott in unser Leben gestellt worden, damit wir sie lieben und ihnen seine Fürsorge zeigen. John Ortberg beschreibt es treffend:
Jeden Tag stehen alle Menschen, die du kennst, dem Leben gegenüber – mit der Ewigkeit im Blick. Und das Leben kann Menschen ganz schön zusetzen. Jedes Leben braucht jemanden, der anfeuert. Jedes Leben braucht ab und zu eine Schulter zum Anlehnen. Jedes Leben braucht ein Gebet, das uns zu Gott emporträgt. Jedes Leben braucht jemanden, der die Arme ausbreitet und umarmt. Jedes Leben braucht eine Stimme, die sagt: „Gib nicht auf.“
Christliche Gemeinschaft
Gott möchte, dass wir alle Menschen lieben und in unserem täglichen Miteinander etwas von seinem Wesen widerspiegeln. Es liegt ihm aber auch am Herzen, dass wir einander als Christen lieben. Das ist die Art von Liebe von der Jesus sprach, als er sagte: „So gebe ich euch nun ein neues Gebot: Liebt einander. So wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben. Eure Liebe zueinander wird der Welt zeigen, dass ihr meine Jünger seid“ (Johannes 13,34–35).
Nur wenige Stunden vor seiner Verhaftung betete Jesus zum Vater, dass seine Jünger – die, die damals bei ihm waren, und alle, die später an ihn glauben würden – eins sein mögen, so wie er und der Vater eins sind, „Dann wird die Welt wissen, dass du mich gesandt hast, und wird begreifen, dass du sie liebst, wie du mich liebst“ (Johannes 17,20–23). Jesus betete um Einheit: ein Leib, in Liebe zusammengefügt; eins im Glauben, eins im Auftrag, eins im Denken Christi.
Wenn wir in ihm zusammenkommen, ist er mitten unter uns. „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20). Seine Gegenwart lässt uns seine Nähe spüren, und die Freude und Liebe ziehen jeden Einzelnen näher zu ihm und zueinander. Wenn Christen Gemeinschaft pflegen, werden sie gestärkt. Gebet, Anbetung, das Feiern des Abendmahls, tiefgehende Gespräche und das Zusammensein schaffen eine Atmosphäre, die aufbaut und ermutigt.
Das Wort, mit dem das Neue Testament unsere Beziehungen unter Christen beschreibt, ist koinonia. Dieses griechische Wort wird mit Begriffen wie Gemeinschaft, Teilhaben, enge Verbundenheit oder Gemeinschaft im Glauben übersetzt. Als Glieder seiner Gemeinde, des Leibes Christi (Kolosser 1,24), haben wir Gemeinschaft mit Christus und Anteil an seinem Leben und seinem Auftrag. Zugleich haben wir Gemeinschaft miteinander und gestalten Leben und Auftrag gemeinsam.
Wir sind nicht dazu bestimmt, Inseln zu sein. Wir brauchen einander. Nur Gott weiß, wie oft die großen Werke von Männern und Frauen Gottes im Lauf der Geschichte durch einen anderen Gläubigen möglich wurden – jemanden, der ermutigt und im Gebet getragen hat. Rick Warren schreibt: „Wir sind für Gemeinschaft geschaffen, für Gemeinschaft geformt und für eine geistliche Familie bestimmt – und keiner von uns kann Gottes Ziele allein erfüllen.“
Zur christlichen Gemeinschaft gehört nicht nur das Zusammenkommen mit anderen Christen, sondern auch die gemeinsame Beteiligung an der Weitergabe des Evangeliums und an der Arbeit für Gottes Reich. Es bedeutet, mit Gott und miteinander an der Erfüllung des Missionsauftrags mitzuwirken: die gute Nachricht allen Menschen weiterzugeben, sie zu einem rettenden Glauben an Christus zu führen und sie in der Nachfolge wachsen zu lassen (Matthäus 28,18–20). Im Gesamtzusammenhang des ursprünglichen griechischen Wortes verstanden, bedeutet christliche Gemeinschaft eine Teilnahme am ganzen Glaubensleben. Sie umfasst unsere Beziehung zu Gott, unsere Beziehungen untereinander und unseren gemeinsamen Einsatz, den Missionsauftrag zu leben und Salz und Licht in der Welt und in unserer heutigen Kultur zu sein.
Gemeinschaft aufbauen
In unserer modernen Welt, in der Arbeit und Kommunikation oft durch Technologie und soziale Medien geprägt sind, braucht es Zeit und bewusste Anstrengung, um echte persönliche Beziehungen aufzubauen. Vielleicht stehen wir in einer Lebensphase, in der wir neue Wege suchen müssen, um Gemeinschaft zu leben und neue Netzwerke zu knüpfen. Es gibt viele Möglichkeiten für christliche Gemeinschaft und Freundschaften: der Anschluss an eine örtliche Gemeinde oder einen Gebetskreis, die Mitarbeit in einem sozialen Projekt oder der Beitritt zu einer Freundes- oder Hausgruppe.
Auch ehrenamtliches Engagement kann ein wertvoller Raum für Gemeinschaft sein, wenn man sich gemeinsam für eine gute Sache einsetzt. Wir können uns in lokalen Initiativen einbringen, auf unsere Nachbarn zugehen und Beziehungen aufbauen. Ebenso können Vereine oder Gruppen mit gemeinsamen Interessen Türen öffnen – auch, um das Evangelium weiterzugeben.
Als Christen haben wir das Vorrecht und die Verantwortung, die Liebe des Herrn in unserer Umgebung sichtbar zu machen. Wir sollen allen Menschen Gutes tun, besonders aber denen, die zur Glaubensgemeinschaft gehören (Galater 6,10). Wenn wir Beziehungen aufbauen und ein Gefühl von Zugehörigkeit und Verbundenheit fördern, tun wir das aus der Liebe Christi heraus, durch sie und mit ihr – denn „die Liebe Christi drängt uns“ (2. Korinther 5,14). Indem wir so leben, sind wir seine Gemeinde, der Leib der Gläubigen – seine Gemeinschaft.
