Ich wurde im Sommer 1955 in einer stahlproduzierenden Stadt in Deutschlands Industrieregion, in eine Arbeiterfamilie geboren. In den turbulenten sechziger Jahren war ich ein junges Mädchen, glücklich und sorglos, bis ein ernstes Gesundheitsproblem meine Sicht auf das Leben grundlegend veränderte. Mein körperlicher Zustand und mein Widerstand gegen die düstere Prognose einer Skoliosis erschütterten mich und waren vielleicht der Ausgangspunkt für meine Neigung zur Rebellion.
In den siebziger Jahren verbreitete sich die aufblühende Hippie-Ära wie ein Lauffeuer in ganz Europa, und auch unser Dorf wurde von ihr erfasst. Überall um mich herum sah ich die Zeichen eines neuen Lebensstils und eines belebenden Liberalismus. Ich war neunzehn, als meine Ausbildung zur Krankenschwester wegen der sich verschlimmernden Skoliose ein jähes Ende fand.
Inmitten der emotionalen Turbulenzen, die meine Teenagerjahre mit sich brachten, verspürte ich den starken Wunsch, mein Zuhause zu verlassen, um meinen eigenen Weg zu gehen. Ich tastete mich zunächst vorsichtig an die Gegenkulturbewegung heran. Um mit meiner Enttäuschung fertig zu werden, boten Drogen eine Flucht vor Druck und Kritik.
Ich war gerade zwanzig geworden, als mein Freund und ich eine unvergessliche Reise in einem alten, umgebauten VW-Bus unternahmen. Unsere Suche nach höheren Werten und etwas Tieferem führte uns über 20.000 Kilometer durch Teile Europas, den Nahen Osten und Südasiens, auf eine Pilgerreise nach Frieden und Sinn. Es war ein Abenteuer das uns Verlust, Krankheit und Gefahren erleben ließ und uns oft an unsere Grenzen brachte und die tiefe Spuren in unseren Herzen hinterließen.
Auf meinem Weg erinnerte ich mich manchmal an den Religionsunterricht in meinem letzten Schuljahr und an das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott” von Martin Luther, das mir sehr lieb war. Jedes Mal, wenn ich dieses Lied sang, wurde es mir warm ums Herz und meine Seele wurde aufgerichtet. Gott klopfte an die Tür meines Herzens. Ich erinnerte mich daran, wie ich als junger Teenager am Tag meiner Konfirmation in der alten Steinkapelle Jesus in mein Herz aufgenommen und versprochen hatte, gottgefälligen Prinzipien zu folgen. Aber inmitten dieser neuen Art von Freiheit und Nonkonformität geriet dieses Versprechen in Vergessenheit.
Nach zwei Jahren des Reisens, immer noch auf der Suche nach einem Ziel, das über das Irdische hinausgeht, kam ich an einen Scheideweg in meinem Leben. Ausgelaugt, desillusioniert und vom Drogenkonsum zermürbt, spürte ich, dass ich unseren Aussteiger-Lebensstil nicht mehr lange durchhalten konnte.
Es war 1978, als wir nach einer nächtlichen Fahrt von der nepalesischen Grenze aus in einer kleinen Herberge Rast machten. Mein Leben war dabei, sich zu ändern. Als ich den Speisesaal betrat, waren da die einzigen Gäste eine Gruppe von Missionaren, die gerade frühstückten. Da es eine seltene Gelegenheit war, ausländische Reisende in einer Stadt weit oben in Nordindien zu treffen, begann bald eine lebhafte Unterhaltung. Ihre Seelenverwandtschaft und ihre einfachen Erklärungen von Bibelversen brachten mich dazu, mein Leben Jesus zu widmen, was für meine rastlose, suchende Seele einen Neuanfang und eine Erneuerung bedeutete.
Einige Jahre später beschloss ich, selbst Missionar zu werden, und fand große Befriedigung im Dienst an armen Gemeinden in verschiedenen Entwicklungsländern. Dieser Weg war ein direktes Ergebnis der Freundlichkeit von selbstlosen und engagierten Menschen, wie den Missionaren, die ich auf meiner lebensverändernden Reise nach Indien kennengelernt hatte.
In mehr als 40 Jahren Gemeindearbeit, davon drei Jahrzehnte in Kenia, habe ich unerwartete Hilfe zur rechten Zeit, Schutz im Angesicht der Gefahr sowie Jesu Gunst, Gnade und Stärke in schweren Zeiten erfahren. Als Missionarin und Mutter von sieben Kindern habe ich gelernt – und lerne es immer noch – mich auf Gottes Kraft zu verlassen und nicht auf meine eigene. Seit ich Jesus kennengelernt habe, ist mir bewusster geworden, dass jede Aufgabe, Herausforderung, jeder Kampf und jede Erfahrung ein Meilenstein ist, der mich zu der Person formt, die ich sein sollte.
Wenn ich an all die Geschehnisse in meinem Leben zurückblicke, kann ich erkennen, dass die Gegenwart Gottes von Anfang an in den Wandteppich meines Lebens eingewoben war. Manchmal waren die Fäden undeutlich und unbemerkt, bis zu dem Moment, in dem seine Gegenwart in den Vordergrund rückte und ich meine Bestimmung fand.
