Ich wurden noch „v.I.“ geboren, also vor dem Internet. Wenn ich heute sehe, wie Menschen ununterbrochen auf ihren Handys Nachrichten tippen, frage ich mich manchmal, wie sie wohl „früher“ zurechtgekommen wären. Damals bedeutete „Texten“ noch, an einer 15-Kilo-schweren Schreibmaschine zu sitzen, Tippfehler mit Korrekturflüssigkeit oder einem speziellen Korrekturpapier auszubessern, einem Gang zur Post, sich für eine Briefmarke anzustellen, mehrere Tage warten, bis der Brief ankam, und dann noch einmal genauso lange auf die Antwort zu hoffen.
Warum haben es heute eigentlich alle so furchtbar eilig? Als ich einmal in Indien war, erledigte sogar mein Rikscha-Fahrer mehrere Dinge gleichzeitig. Während er sich durch den dichten Stadtverkehr schlängelte, führte er nebenbei auf seinem Handy geschäftliche Verhandlungen. Ob er überhaupt noch alt genug war, sich daran zu erinnern, dass man früher für einen Anruf unterwegs erst eine Telefonzelle finden musste, genügend Münzgeld dabeihaben sollte und nach drei Minuten weitere Münzen nachwerfen musste, wenn das Gespräch länger dauerte?
Was ich mich frage, ist: Wo bleibt eigentlich all die Zeit, die wir durch diese modernen Errungenschaften angeblich sparen? Müssten wir dank all der zeitsparenden Technik nicht längst im Überfluss Freizeit haben?
Liegt es einfach an schlechtem Zeitmanagement? An guten Ratschlägen mangelt es jedenfalls nicht: Setze Prioritäten. Delegiere Aufgaben. Erledige zuerst das Schwierige. Befreie dein Leben von unnötigem Ballast. Lerne, auch einmal Nein zu sagen.
Doch ich glaube, es geht um mehr als das. Manchmal ist nicht entscheidend, was wir tun, sondern zu wem wir werden. Der indische Dichter Rabindranath Tagore brachte es treffend auf den Punkt: „Wer zu sehr damit beschäftigt ist, Gutes zu tun, findet keine Zeit, gut zu sein.“
Wie können wir also einen Gang herunterschalten, das Leben bewusster genießen und trotzdem alles erledigen, was wirklich getan werden muss?
Neulich war ich gerade auf dem Weg zu einer Verabredung, als meine Enkelin meine Hand nahm und begeistert fragte: „Opa, darf ich dir die neuen Tanzschritte zeigen, die ich im Unterricht gelernt habe?“
Schon wollte ich automatisch antworten: „Tut mir leid, ich habe gerade keine Zeit. Zeig sie mir später.“ Doch plötzlich stellte ich mir vor, wie sie fünf Jahre älter wäre und mir im Hinauslaufen zurufen würde: „Tut mir leid, Opa! Ich habe keine Zeit. Ich bin gerade mit meinem Teenagerleben beschäftigt.“
Also lächelte ich und sagte: „Na klar. Zeig mir, was du gelernt hast.“
Fünf Minuten voller schwungvoller Tanzschritte und begeisterten Applauses später machte ich mich auf den Weg zu meiner Verabredung. Ich fühlte mich deutlich entspannter und ging mit neuer Zuversicht in den Tag.
In diesem Moment hatte ich die Antwort auf meine Frage gefunden. Wenn wir uns Zeit nehmen, innezuhalten und die Blumen zu riechen, begleitet uns ihr Duft den ganzen Tag. Er erinnert uns daran, dass das Leben aus weit mehr besteht, als nur von einer Aufgabe zur nächsten zu eilen.
