Was bedeutet es, unseren Glauben in der heutigen Welt zu leben? Für mich ist das etwas sehr Persönliches geworden. Es geht nicht mehr nur darum, zu erklären, was ich glaube, sondern darum, das gelebte Glaubensleben selbst als Zeugnis für Gottes Treue einzubringen.
Im Lauf der Jahre habe ich etwas Kostbares entdeckt. Wenn ich mit jemandem über Christus spreche, ist das meist nicht etwas gut Vorbereitetes, das das Herz berührt. Vielmehr ist es meist eine Erfahrung, die ich selbst gemacht habe.
Immer wieder habe ich erlebt, wenn ich mit Menschen spreche, die Schmerz oder Trauer empfinden, entmutigt sind oder sich um die Zukunft sorgen, wie der Herr mir eine ähnliche Situation aus meinem eigenen Leben ins Gedächtnis bringt. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Freundin Nona, nachdem ihre Schwester einen Fahrradunfall erlitten hatte und kurz darauf an einer Hirnblutung gestorben war. Nona war untröstlich. Ich hatte Ähnliches erlebt, als ich meinen Bruder durch einen plötzlichen Herzinfarkt verlor und von tiefer Trauer überwältigt wurde. Damals schenkte mir Gott liebevollen Trost und die Gewissheit, dass mein Bruder im Himmel war und dort die Gegenwart Jesu sowie unserer bereits verstorbenen Lieben genoss.
Als ich begann zu erzählen, was Gott mir in dieser schweren Zeit geschenkt hatte, veränderte sich etwas. Nonas Blick wurde weicher. Ihre Schultern entspannten sich, und sie ließ ihre inneren Schutzmauern fallen. Sie hörte nicht nur eine abstrakte Idee. Sie hörte Worte des ewigen Lebens, die ihre Seele trösteten. Daraufhin öffnete Nona ihr Herz für Jesus und steht heute fest in ihrem christlichen Glauben.
Ich bin so dankbar, wenn der Herr auf diese Weise wirkt. Ich muss nicht angestrengt nach der „richtigen“ Geschichte suchen, denn er ruft mir einfach ein Ereignis aus meiner Vergangenheit ins Gedächtnis. Selbst die schwersten Erfahrungen gebraucht er, um anderen Trost und Hoffnung zu schenken. Was sich einmal wie mein ganz persönlicher Schmerz anfühlte, wird so zu einer Brücke für eine andere Seele.
Der Apostel Paulus schreibt: „In allen Schwierigkeiten tröstet er uns, damit wir andere trösten können. Wenn andere Menschen in Schwierigkeiten geraten, können wir ihnen den gleichen Trost spenden, wie Gott ihn uns geschenkt hat“ (2. Korinther 1,4). Ich habe so oft erlebt, wie sich dieser Vers im Leben bewahrheitet. Der Trost, den er mir schenkte, war nie nur für mich gedacht. Er sollte weiterfließen auf andere.
Menschen lassen sich heute nicht von religiösen Sprüchen beeindrucken. Sie sehnen sich nach Authentizität. Sie fragen: Hält das, was du sagst, auch dann stand, wenn das Leben auseinanderbricht? Trägt es mich auch dann, wenn meine Gebete unbeantwortet zu bleiben scheinen?
Wenn wir davon erzählen, wie Gott uns in unseren persönlichen dunklen Nächten begegnet ist, beantworten wir diese Fragen ohne Argumente. Unsere gelebte Erfahrung wird zum Beweis.
Doch unseren Glauben zu leben, bedeutet nicht nur, das weiterzugeben, was wir haben; es geht auch darum, wie wir leben. Taten sprechen oft schon, lange bevor überhaupt Worte fallen. Eine sanfte Antwort in einem angespannten Gespräch. Eine Entschuldigung, die nicht aufgeschoben wird. Eine Integrität, die bewahrt bleibt, auch wenn ein Kompromiss leichter wäre. Der Verzicht auf Klatsch und Tratsch, während andere sich daran beteiligen. Das sind Predigten ohne Kanzel.
Ich habe auch gelernt, dass Verletzlichkeit Kraft in sich birgt. Wenn wir zugeben: „Ich hatte auch zu kämpfen“ oder „Ich habe damals auch nicht verstanden, was Gott tut“, schaffen wir Raum für Ehrlichkeit. Wir zeigen, dass Glaube nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten bedeutet, sondern Vertrauen inmitten dieser Schwierigkeiten. Als ich mich mit Sari, einer alleinerziehenden Mutter von vier Kindern anfreundete, merkte ich, wie sehr sie meine eigenen Erfahrungen als Single-Mama ermutigten, weiter auf Gott zu vertrauen und bei ihm nach Lösungen zu suchen.
Unser persönliches Beispiel hat in der zerrissenen Welt von heute ein enormes Gewicht. Unser Leben stärkt entweder die Botschaft, die wir verkünden, oder schwächt sie. Wenn Liebe unsere Reaktionen bestimmt, Demut unsere Überzeugungen trägt und Gnade unseren Ton prägt, bleibt das nicht unbemerkt.
Den Glauben heute zu leben, bedeutet nicht zwangsläufig, dynamisch oder wortgewaltig aufzutreten. Oft geht es vielmehr darum, zuzulassen, dass Gott unsere Lebensgeschichten gebraucht, unsere Siege ebenso wie auch unsere dunklen Täler. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass die Menschen nicht nur darauf achten, was wir sagen, sondern auch darauf, wie wir leben.
Wenn wir unsere Erfahrungen als Brücken anbieten, uns für Handlungen entscheiden, die Christus widerspiegeln, und dem Heiligen Geist vertrauen, uns zur rechten Zeit die richtigen Worte zu schenken, wird unser Zeugnis persönlich und kraftvoll zugleich. Der Trost, den Gott uns gibt, wird zu Trost, den wir weitergeben können. Unser Leben wird zu einem lebendigen Zeugnis.
Mein Herz wendet sich einem Gebet zu, das wir alle sprechen können:
Lieber Jesus, lass mein Leben die Geschichte erzählen, die meine Worte verkünden. Wenn ich versucht bin, vorschnelle Ratschläge zu geben, lehre mich, Verständnis zu zeigen. Wenn ich jemandem begegne, der leidet, erinnere mich daran, wie du mich durch meine eigenen dunklen Zeiten getragen hast. Behüte mein Handeln, damit es dein Wesen widerspiegelt. Mögen meine Reaktionen von Gnade, meine Worte von Sanftmut und mein Vorbild von Aufrichtigkeit geprägt sein. Und wenn andere etwas Gutes an mir sehen, mögen sie dich darin erkennen. In Jesu Namen, Amen.
Wenn mein Leben auch nur einen einzigen Menschen näher zu Christus bringt, dann ist das reichlich.
