Das Haus eines mir bekannten Großelternehepaars war mit antiken Sesseln, kunstvollen Blumengestecken und burgunderroten Teppichen ausgestattet. Die zierliche, ältere Frau, die wir liebevoll Oma nannten, war nicht nur eine erfahrene Hausfrau, Opernsängerin und fleißige Gärtnerin, sondern auch eine ausgezeichnete Köchin.

Eines ihrer Lieblingsgerichte bestand aus einem köstlichen Brathähnchen mit gedünsteten Kartoffeln, Kräutern und Beilagen. Oma wuchs in dem Glauben auf, die Keule sei der begehrenswerteste Teil des Huhns, da sie das saftigste und leckerste Fleisch lieferte. Oma liebte die Keulen, aber wenn sie die Hähnchenhälfte mit Opa teilte, gab sie ihm stets die Keule.

Großvater, ein prominenter Richter und von Natur aus ein ruhiger Mensch, verbrachte die meiste Zeit des Tages damit, Akten zu studieren, die mit seiner Arbeit zu tun hatten, und in seiner großen Bibliothek zu lesen. Jedes Mal, wenn Oma ihm Essen servierte, reagierte er mit einem leisen „Dankeschön“.

Doch eines Tages, nachdem sie ein paar Jahre verheiratet waren, fragte er höflich: „Wäre es möglich, mir dieses Mal das andere Stück zu geben?“ Er erklärte dann, er bevorzuge eigentlich das weiße Fleisch.

Großmutter war von dieser Bitte überrascht und stets davon überzeugt gewesen, dass die Hühnerkeule das beste Stück sei, und hatte sie dem Großvater gerne gegeben. Genauso hatte er angenommen, sie würde die Hühnerbrust bevorzugen und ihr diese bereitwillig überlassen. Beide lachten über diesen Vorfall, und von da an genossen beide ihr Lieblingsstück.

Ihre Ehe währte über 50 Jahre, denn beide hatten sich verpflichtet, den folgenden Grundsatz zu leben: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ 1

Ehrlichkeit und Freundlichkeit sind einige der wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Beziehungen.

  1. Philipper 2, 3–4