Die Korrekturen des Herausgebers

Ich hatte mich mit zermürbenden Selbstzweifeln und Versagensängsten herumgeschlagen. Dann stürzte ich mich ins Ungewisse, nahm den Stift zur Hand und schrieb meinen ersten Kurzartikel.

Ich lehnte mich zurück und las ihn mehrere Male durch. Zufrieden mit meinen bescheidenen Anfängen reichte ich ihn bei einem Monatsmagazin für eine mögliche Veröffentlichung ein.

Nach einiger Zeit meldete sich der Herausgeber bei mir und wollte meinen Artikel drucken. Mitgeschickt hatte er auch eine überarbeitete Fassung für meine Zustimmung oder weitere Bearbeitung. Überarbeitet! Als ich so dasaß und auf „mein Werk“ starrte – jetzt in gekürzter Form – überkamen mich gemischte Gefühle. Ich hatte mich schon als einen aufsteigenden Kometen am Schriftstellerhimmel gesehen, doch diese Vision verflüchtigte sich wie eine Fata Morgana in einem Sandsturm.

Als der anfängliche Schock nachließ, versuchte ich objektiver über die Situation nachzudenken. Die eigentliche Idee, die ich vermitteln wollte, war immer noch vorhanden; die bildhaften Redewendungen waren unversehrt und die Tonlage unverändert. Doch die entbehrlichen Passagen waren gestrichen worden, um zum Kern des Schriftstücks zu gelangen. Die gekürzte Version war tatsächlich besser.

Als ich so darüber nachdachte, fiel mein Blick auf das Bild eines Diamantrings in einem Magazin, das aufgeschlagen auf meinem Tisch lag. Ich dachte daran, wie jemand den Stein im Bergwerk herausgeschlagen haben musste, der den Diamanten enthielt; wie fingerfertige Hände eines Edelsteinschneiders den ungeschliffenen Diamanten in etwas Erlesenes, höchst Kostbares und sehr Begehrenswertes verwandelt hatte. Genauso wie ein Diamant, der eingeschlossen in einem Stück Stein steckt, war auch mein unbehauenes Schriftstück noch nicht das Endprodukt gewesen. Der Diamant war vorhanden, doch andere, geübtere Hände waren notwendig, um ihn aufzufinden, herauszuschneiden und zu schleifen.

Das Leben ist genauso. Wir sind als Entwurf geschaffen worden, der den Überarbeitungsprozess durchlaufen muss. Gott sieht in jedem von uns den Funken der Verheißung, genauso wie der Herausgeber einen vielversprechenden Gedanken aufspürt, wenn er die Manuskripte überfliegt, die seinen Schreibtisch passieren. Gott arbeitet dann daran, uns schrittweise in einen endgültigen Artikel umzuschreiben, den es sich zu lesen lohnt. Unser Wesen ist mehrfach von den Entscheidungen, die wir treffen, umgestaltet worden. Das Leben selbst schmiedet uns so, dass wir von allem Oberflächlichen und Unnötigen, das uns anhaftet, immer wieder befreit werden. Durch das tägliche Zusammensein mit anderen werden wir aufs Feinste geschliffen und poliert.

Wie aus meiner grob dahinskizzierten Geschichte ist aus meinem Leben in den Händen des Großen Herausgebers mehr geworden, als es anfangs war – und Er ist noch nicht fertig mit mir.