Der unsichtbare Begleiter

Sir Ernest Henry Shackleton (1874-1922) war ein irischer Entdecker, der für seine Antarktisexpedition von 1914-1915 mit dem Schiff Endurance berühmt geworden ist, und in seinem Buch South darüber berichtet. Weniger bekannt ist, dass Shackleton eine unsichtbare Quelle besaß, von der er seine Kraft schöpfte – seinen Glauben.

Die Reise über das gefrorene Meer steckte voller Gefahren. Die Endurance geriet ins Packeis, von dem sie schließlich vollkommen zerstört wurde. Die Crew musste das Schiff verlassen. Nach langer beschwerlicher Reise übers Eis mit drei Rettungsbooten im Schlepp, die sie vom Schiff geborgen hatten, schafften sie es, Elephant Island zu erreichen. Von dort zogen Shackleton und vier weitere Männer los, um Hilfe zu holen. In dem größten der drei Boote reisten sie 1200 km durch raue See zu der im südlichen Atlantik gelegenen Insel South Georgia, wo Shackleton und zwei weitere Männer Gletscher und messerscharfe Klippen überquerten, um eine Walfischfangstation zu erreichen. Über diese Monumentalreise schrieb Shackleton:

„Wenn ich auf diese Tage zurückblicke, habe ich keine Zweifel, dass uns eine göttliche Vorsehung begleitete. Ich weiß, dass es mir während dieses [letzten] langen quälenden Marsches von sechsunddreißig Stunden über die namenlosen Berge und Gletscher von South Georgia oft so vorkam, als wären wir vier statt nur drei Männer. Zu meinen Begleitern sagte ich nichts darüber, aber hinterher sagte Worsley zu mir, „Chef, ich hatte bei diesem Marsch das seltsame Gefühl, dass noch eine weitere Person bei uns war.“ Crean bestätigte, denselben Eindruck gehabt zu haben. Man fühlt ‚das Fehlen an Worten, das Unvermögen der menschlichen Sprache‘, wenn man versucht, Unfassliches zu beschreiben, aber ein Bericht über unsere Reise wäre unvollständig ohne einen Hinweis auf dieses Wesen, das unseren Herzen so nahe war.“

Shackleton unternahm noch eine weitere letzte Expedition, von der er nicht mehr zurückkehrte. Kurz bevor er loszog, erwähnte er noch einmal das Zeugnis ihres unsichtbaren Begleiters und zitierte die Bibel. „Wohin sollte ich fliehen vor deinem Geist, und wo könnte ich deiner Gegenwart entrinnen? Flöge ich hinauf in den Himmel, so bist du da; stiege ich hinab ins Totenreich, so bist du auch da. Nähme ich die Flügel der Morgenröte oder wohnte am äußersten Meer, würde deine Hand mich auch dort führen und dein starker Arm mich halten.“ 1

Auf seine letzte Reise nahm Shackleton eine Aufnahme des Liedes „Bleibe bei mir“ mit. Ein Londoner Schriftsteller kommentierte dazu: „Stellt euch vor, wie wohl diese Worte – ‚ich brauche deine Gegenwart mit jeder Stunde, die beginnt’ – über die vereiste Einöde der Antarktis schallten!“

  1. Psalm 139,7–10