Das Weihnachtsfest des Jahres 1984 war das dritte, das unsere Familie außerhalb Europas verbrachte, in dem abgelegene Dorf im östlichen Indien, in das wir gezogen waren, um dort als Freiwillige auszuhelfen, und das inzwischen zu unserem zweiten Zuhause geworden war. Nach ein paar anfänglichen Schwierigkeiten, uns an das andere Klima und die fremde Kultur zu gewöhnen, lernten wir bald die wundervollen Menschen schätzen, in deren Mitte wir lebten, und waren offen für die neuen Sehenswürdigkeiten, Geräusche, Geschmacksrichtungen und Düfte. Ganz besonders freute ich mich immer auf den Einkauf auf dem örtlichen Markt, der – wie es schien – das ganze Jahr hindurch eine fantastische Auswahl an saftigen Früchten bot: Mangos, Bananen, Litschis, Papayas, Jackfrüchte 1, Limonen und andere Sorten.

Auf einer dieser Fahrten zum Markt entdeckten wir unterwegs einen Stand, der – zu einem horrenden Preis – einige wunderschöne Äpfel feilbot. Uns wurde gesagt, sie stammten vom weit entfernten Norden des Landes, deswegen der hohe Preis.

In mir stiegen Erinnerungen an meine Kindheit auf. Klar, gerade zur Weihnachtszeit scheinen die Erinnerungen eine besonders starke Macht zu besitzen. Meine an diesem Tag mich begleitende älteste Tochter, drückte meine Gefühle in Worte aus: „Es wäre wunderschön, wenn wir einen Apfel fürs Weihnachtsfest kaufen könnten.“

So entstand die Idee für die Weihnachtsüberraschung für unsere Familie. Mein Mann und ich investierten einen Abend, um kleine Pappschachteln in Geschenkpapier einzupacken, gefüllt mit Plätzchen, Nüssen … und einem großen, roten Apfel.

Am Morgen des Weihnachtstages öffneten die Kinder ihre Päckchen und hüpften vor Freude beim Anblick dieser Äpfel! Wir Eltern, glaube ich, hatten genauso viel Spaß, ihnen beim Auspacken zuzusehen, und – da wir selbst auch ein Weihnachtspäckchen erhielten – uns unsere eigenen kostbaren Äpfel schmecken zu lassen.

Vor ein paar Jahren kehrten wir nach Europa zurück und haben seither eine Menge Äpfel genießen können. Doch unsere ganze Familie freut sich bis heute über die liebevolle Erinnerung an das eine „bescheidene“ Weihnachtsfestes, an dem wir das „reiche“ Gefühl der Dankbarkeit wegen eines einfachen Apfels erleben durften.

Mögen wir immer einen einfachen, bescheidenen Grund finden, um dankbar zu sein – nicht nur zu Weihnachten, sondern bei jedem Fest und Ereignis das ganze Jahre über.


  1. Jackfrucht, auch Jakobsfrucht genannt, enthält gelbes, süßlich schmeckendes Fruchtfleisch, die Kerne sind essbar und haben einen kastanienartigen Geschmack. (Quelle: Wikipedia)