Perspektivenwechsel

Nahezu täglich wird mir bewusst, wieviel Glück ich mit meiner Arbeitsstelle habe. Ich arbeite als Lehrerin an einer innerstädtischen Schule, die von Kindern aus der ganzen Welt besucht wird. Wenn ich in der Bibliothek arbeite, sehe ich zu jeder Zeit Gruppen von Schülern bei der Arbeit, die viele verschiedene Kontinente, Sprachen und Glaubensrichtungen vertreten. Die UN könnte noch viel von meiner Schule lernen.

Vanessa ist eine Schülerin in einem der höheren Jahrgänge und möchte eines Tages ihren eigenen Schönheitssalon aufmachen. Als ich sie letztes Jahr zum ersten Mal traf, war ich beeindruckt von ihrem freundlichen Wesen, ihrem guten Stil und großem Selbstbewusstsein. Wenn jemand das Potenzial hat, etwas aus seinem Leben zu machen, dann ist das Vanessa.

Sie ist auch ein Flüchtling aus einem kriegsgebeutelten Land in Afrika und kam 2014 mit ihrer großen Familie in unsere Stadt. Die acht Geschwister sind alle zwischen 9 und 20 Jahre alt. Vanessas Vater hat nur gelegentlich Arbeit und konnte bislang keine Festanstellung finden, ihre Mutter kämpft seit Jahren mit Gesundheitsproblemen und kann keiner geregelten Arbeit nachgehen. Die Familie lebt von Sozialhilfe – und mit Vanessas Hilfe.

Nach der Schule arbeitet Vanessa Teilzeit in einem Schönheitssalon und ihr Einkommen teilt sie auf zwischen:

  • Ihrer Familie.
  • Ihrem Sparbuch für ihr Studium.
  • Ihrem Zehnten für die Kirche

Als Vanessa erzählte, dass sie zehn Prozent ihres Einkommens an ihre Kirche spendet, war ich überrascht.

„Das ist für mich ein Muss“, erklärte sie mir ruhig, man konnte in ihrer Stimme noch den Akzent ihres afrikanischen Heimatlandes heraushören. „Als ich ein kleines Kind war, arbeitete meine Mutter noch und spendete immer einen Teil ihres Einkommens. Auch mein Vater gab einen Teil seines Gehalts ab und trotzdem hatten wir immer genug.“

Doch kann man damals mit heute vergleichen? Ich fragte sie, ob sie jemals daran dachte, das Geld einfach zu behalten, da es im Moment für sie und ihre Familie finanziell so eng war. Sie schien mich nicht zu verstehen. „Es gibt viele Menschen in deinem Haus“, sagte ich. Sie nickte und wartete, worauf ich hinauswollte. „Manche Menschen fänden das schwierig“, erklärte ich. „Dein Vater findet keine Arbeit … deine Mutter hat gesundheitliche Probleme … du musstest Freunde und Familie hinter dir lassen und ein neues Leben anfangen …“ Vanessa von ihren eigenen Problemen überzeugen zu wollen funktionierte nicht, denn sie fühlte sich offensichtlich nicht als Opfer.

„Früher, als wir noch zu Hause waren, übernachteten Obdachlose bei uns und auch jetzt schicken wir noch Geld an Waisenhäuser in der Heimat. Wenn wir Essen und Kleidung übrighaben, gehen wir raus und bringen alles den Menschen, die auf der Straße leben müssen.“

Ich konnte das Bild des Überflusses und der Großzügigkeit, das Vanessa für mich malte, nicht mit ihren bescheidenen Lebensverhältnissen in Einklang bringen. „Hast du denn nie das Gefühl, etwas zu brauchen, das du dir nicht leisten kannst?“, fragte ich.

„Schon“, sagte sie, „aber dann bitte ich um Geld. Ich frage Freunde oder Familie. Ich leihe mir kein Geld, es muss immer ein Geschenk sein.“ Egal ob als Geber oder Empfänger (aber immer, ohne Schulden zu machen), Vanessa fühlte sich in beiden Rollen wohl. Sie war ein fröhlicher Geber und nie zu stolz, um auch etwas anzunehmen.

Wieder kam ich auf die Frage der Spenden zurück. „Wenn du manchmal nicht genug Geld hast, möchtest du dann nicht die zehn Prozent deines Geldes behalten, die du sonst weggibst?

„Nein“, sagte Vanessa ruhig. „Wenn du Geld weggibst, wird Gott nicht zulassen, dass du es vermisst.“ Sie erzählte mir, wie sie einmal überraschend 10 Dollar in ihrer Tasche fand und als sie sich einmal keinen Mantel leisten konnte, bekam sie einen von jemandem geschenkt, der eine falsche Größe gekauft hatte.

„Was denkst du über Menschen, die eine gute Arbeit haben und in großen Häusern wohnen, die aber von sich behaupten, dass sie es sich nicht leisten können, viel zu geben?“ Die Frage machte mich etwas beklommen, denn ich gehörte zu diesen Menschen.

Sie antwortete jedoch urteilsfrei und ruhig. „Sie kennen einfach das Geheimnis nicht!“

Sie erklärte sich nicht. „Welches Geheimnis?“ fragte ich. Wir hatten kaum noch Zeit, da Vanessa zur Arbeit musste, doch ich wollte das Geheimnis gerne noch erfahren.

„Je mehr du gibst, desto mehr Segnungen bekommst du“, sagte sie.

Das war für mich eine mathematische Gleichung, die nicht aufging, aber Vanessa belehrte mich eines Besseren. Ich bin davon überzeugt, dass diese junge Dame in ihrer neuen Heimat eine erfolgreiche Zukunft vor sich hat. Die Fähigkeiten, die sie sich in der Schule und bei ihrer Arbeit aneignet, werden sie auf die Zukunft vorbereiten, doch ihr Selbstbewusstsein und starkes Fundament werden sie letztendlich ans Ziel bringen. Ich bin Vanessa und den anderen Schülern dankbar, die meine Perspektive der westlichen Welt herausfordern und mein Verständnis erweitern. Sie sieht die Welt durch eine Brille der Dankbarkeit, des Vertrauens und der Hoffnung. Die Hindernisse, derer sie sich nicht mal bewusst zu sein scheint, weichen vor ihr, während sie voranschreitet.